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Wahlstimmen aus Charlottenburg zeigen Frust über Kosten und Politik
Wahlstimmen aus Charlottenburg zeigen Frust über Kosten und Politik

Wahlstimmen aus Charlottenburg zeigen Frust über Kosten und Politik

Vier Wochen vor der Berlin-Wahl äußern Bewohner und regelmäßige Besucher von Charlottenburg-Wilmersdorf unterschiedliche Sorgen über Mieten, Lebenshaltungskosten, Migration und politische Glaubwürdigkeit.

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Vor der Abgeordnetenhauswahl am 20. September zeigen Gespräche in Charlottenburg-Wilmersdorf ein politisch uneinheitliches Bild. CDU-Mitglieder hoffen auf eine Fortsetzung des Regierungsbündnisses, ein langjähriger Nichtwähler sieht keinen Unterschied zwischen den Parteien, ein aus der Türkei stammender Berliner setzt auf das BSW und eine 16-Jährige will bei ihrer ersten Wahl die Linke unterstützen.

Der Bezirk hat 343.625 Einwohner und gilt als bürgerlich sowie sozial vergleichsweise stabil. 47,3 Prozent der Bevölkerung haben eine Migrationsgeschichte. Die größten Gruppen stammen aus der Türkei, der Ukraine und Polen.

Im Juli 2026 waren 16.490 Menschen arbeitslos gemeldet. Die Quote von 9,6 Prozent lag unter dem Berliner Durchschnitt von 10,4 Prozent. Gleichzeitig gehört Charlottenburg-Wilmersdorf zu den teuersten Wohnlagen der Hauptstadt. 2025 betrug die mittlere Angebotsmiete 19,17 Euro netto kalt je Quadratmeter. Nur Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg lagen darüber. Für eine 70 Quadratmeter große Wohnung ergab sich rechnerisch eine Kaltmiete von rund 1.342 Euro im Monat. Der Berliner Durchschnitt lag bei 15,78 Euro je Quadratmeter.

Mit einem Durchschnittsalter von 45,2 Jahren hat der Bezirk den zweithöchsten Wert Berlins. Auf der Wilmersdorfer Straße treffen die Reporter Sybille Cohrs und Loring Sittler. Das Paar lebt hauptsächlich in Niedersachsen, besitzt aber seit Jahren eine Wohnung in Berlin und hält sich regelmäßig in der Hauptstadt auf.

Beide gehören seit etwa 20 Jahren der CDU an. Als Vermieter lehnen sie die Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen ab. Cohrs begrüßt, dass die SPD-Spitze den entsprechenden Forderungen der Linken entgegengetreten ist. Für die Wahl hält sie eine Mehrheit von CDU und SPD für möglich, bezeichnet den Ausgang aber als ungewiss.

Die CDU war bei der Wiederholungswahl zum Abgeordnetenhaus am 12. Februar 2023 mit 30,6 Prozent der Zweitstimmen stärkste Kraft im Bezirk. Bei der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 lag sie mit 22,7 Prozent knapp vor den Grünen mit 21,2 Prozent und der SPD mit 17,9 Prozent.

Sittler kritisiert das Krisenmanagement des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner nach dem Stromanschlag im Januar 2026. Der Vorgang habe nicht nur der Berliner CDU geschadet. Für ihn bleibt offen, wer Wegner beraten und die Kommunikation gesteuert habe.

Der 44-jährige Christoph, ein gebürtiger Charlottenburger, hat sich dagegen seit vielen Jahren von Wahlen abgewandt. Sein Fernbleiben sei nicht durch ein einzelnes Ereignis ausgelöst worden. Über die Jahre sei der Eindruck entstanden, dass unabhängig von der regierenden Partei am Ende dasselbe geschehe. Auch für die Wahl im September erwartet er keine Veränderung und rechnet in vielen Lebensbereichen mit einer Verschlechterung.

Ein in Istanbul geborener Mann, der seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, äußert Unzufriedenheit mit CDU, SPD und Grünen. Sein Schwerpunkt ist die Migrationspolitik, die er als unkontrolliert bewertet. Nach seiner Auffassung schaffen deutsche Sozialleistungen finanzielle Anreize für Menschen, die in anderen europäischen Staaten bereits aufgenommen worden seien.

Auch den deutschen Atomausstieg lehnt er ab. Er kritisiert, dass Deutschland nun teuren Strom aus anderen Staaten wie Frankreich einkaufe. Bei der Wahl will er das BSW unterstützen, weil er sich davon eine breitere Parteienlandschaft im Abgeordnetenhaus verspricht.

Claudia Tost, 54, lebt seit 45 Jahren in Charlottenburg. Die frühere Teamleiterin im Beschwerdemanagement eines Telekommunikationsunternehmens ist heute aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr berufstätig. Besonders belasten sie die gestiegenen Lebenshaltungskosten.

Nach ihrer Darstellung verteuerten sich Lebensmittel und Haushaltsprodukte erheblich. Als Beispiel nennt sie eine Süßwaren-Großpackung, die früher 2,89 Euro gekostet habe und inzwischen selbst im Angebot 5,79 Euro koste. Die Ausgaben für den Wocheneinkauf ihrer vierköpfigen Familie seien von etwa 100 auf 200 Euro gestiegen.

Für eine 70 Quadratmeter große Wohnung zahlt Tost rund 1.000 Euro Miete. Für zwei Personen kommen ungefähr 145 Euro Stromkosten im Monat hinzu. In der Familie werde deshalb beim Duschen sowie beim Einsatz von Herd und Backofen gespart. Nach Abzug der laufenden Kosten bleibe wenig finanzieller Spielraum.

Ihre 16-jährige Tochter Lea darf im September erstmals wählen. Sie schließt eine Stimme für die AfD aus und will die Linke wählen. Auch in ihrer Berufsschulklasse und ihrem Freundeskreis seien linke Positionen verbreitet.

Eine Anfang 2026 veröffentlichte Studie mit 2.012 Befragten zwischen 14 und 29 Jahren sah die Linke in dieser Altersgruppe mit 25 Prozent vorn, gefolgt von der AfD mit 20 Prozent. Hinter den Gesamtzahlen stehen gegensätzliche Entwicklungen: Junge Frauen orientieren sich demnach häufiger nach links, junge Männer überdurchschnittlich häufig nach rechts.

Lea verlangt von Politikern mehr Kenntnis des Alltags. Viele Verantwortliche wüssten nicht mehr, welche Sorgen Menschen hätten oder wie viel Grundnahrungsmittel kosteten. Mutter und Tochter nennen außerdem die Vermüllung der Stadt, fehlende Sitzgelegenheiten für ältere Menschen und mangelnde Möglichkeiten für beiläufige Begegnungen in der Nachbarschaft.

Andere Stimmen aus dem Bezirk sprechen von Abstiegsängsten, Misstrauen und dem Gefühl, dass Lebensleistungen an Wert verlören. Ein Passant beobachtet zugleich, dass die AfD bei Teilen der Bevölkerung nicht mehr in dem Maße abgelehnt werde wie noch vor einigen Jahren. Die Gespräche ergeben keinen einheitlichen Trend, zeigen aber, dass selbst in einem wohlhabenden und stabilen Bezirk wirtschaftliche Unsicherheit und politische Enttäuschung zentrale Wahlthemen sind.

R.Veloso--PC