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"Juristisch fragwürdig": Mihambo kritisiert Gentest-Einführung
Tokio-Olympiasiegerin Malaika Mihambo hat scharfe Kritik an der kurzfristigen Einführung verpflichtender Gentests durch den Leichtathletik-Weltverband World Athletics geübt. "Ich sehe diese Maßnahme sehr kritisch. In kürzester Zeit alle Athletinnen weltweit zu Gentests verpflichten zu wollen, ist juristisch fragwürdig, ethisch heikel und wissenschaftlich verkürzt", sagte die Weitspringerin im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst (SID).
Bereits ab dem 1. September müssen Athletinnen weltweit den Nachweis ihres biologischen Geschlechts erbringen, bevor sie bei internationalen Wettbewerben antreten dürfen. Erstmals wird die Regel bei der WM in Tokio (13. bis 21. September) angewendet. Mihambo vermisst dabei die Verhältnismäßigkeit. "Für ein sehr kleines Problem werden enorme Ressourcen aufgewendet, während die wirklich drängenden Themen - Doping, Missbrauch, Gewalt im Sport - weiter bestehen. Wenn wir von Integrität sprechen, dann müssen wir genau dort mindestens genauso entschlossen handeln", sagte die 31-Jährige.
Der SRY-Test, den World Athletics vorsieht, soll per Wangenabstrich oder Blutabnahme das Vorhandensein des Y-Chromosoms feststellen, der Weltverband bezeichnete den Test als "zuverlässigen Indikator für die Bestimmung des biologischen Geschlechts". WA-Präsident Sebastian Coe hatte die Entscheidung bei der Bekanntgabe Ende Juli mit dem Schutz des Frauensports und der Wahrung fairer Wettbewerbsbedingungen begründet.
Auch der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) äußerte sich am Mittwoch kritisch zur Einführung und dem Ablauf. Er informierte seine für die WM bereits qualifizierten Athletinnen mit einem Schreiben. "Das Thema Gentests zur Bestätigung des Geschlechts ist außerordentlich sensibel, gerade im Spitzensport. Die Einführung mit so kurzfristigem Vorlauf stellt die Athletinnen, aber auch den Verband vor große Herausforderungen - moralisch, ethisch und logistisch. Im Austausch mit World Athletics haben wir dies mehrfach deutlich gemacht", sagte der leitende DLV-Verbandsarzt Karsten Hollander.
Der Verband, so Hollander weiter, setze "aufgrund der knappen Fristen durch den Weltverband" nun "alles daran, unseren Athletinnen gemäß den neuen Vorgaben von World Athletics eine WM-Teilnahme zu ermöglichen. Hierfür haben wir im intensiven Austausch mit allen Beteiligten kurzfristig Rahmenbedingungen geschaffen."
Mihambo bezweifelt, dass durch den Test die entscheidenden Fragen gelöst werden. "Ein einzelner Gentest klingt nach einer klaren Lösung, ist aber wissenschaftlich verkürzt und blendet aus, dass Geschlecht kein simples Entweder-oder ist", sagte die zweimalige Weltmeisterin. "Faire Wettbewerbsbedingungen bestehen aus vielen Faktoren - medizinischen, psychologischen, strukturellen. Wer hier unter Zeitdruck handelt, riskiert, die eigentlichen Gefahren für die Integrität des Sports zu vernachlässigen."
Von Athletinnen wie der zweimaligen Olympiasiegerin Caster Semenya, die als Person mit "Abweichungen in der sexuellen Entwicklung (DSD)" eingestuft wird, hatte World Athletics zuletzt bereits gefordert, dass sie ihren Testosteronspiegel durch Medikamente künstlich senken, um an internationalen Wettkämpfen teilnehmen zu können. Die Südafrikanerin war gegen die umstrittene Testosteron-Regel juristisch bis vor den Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) vorgegangen, hatte in der letzten Instanz Mitte Juli aber nur teilweise Recht bekommen.
Eine WA-Arbeitsgruppe war zuletzt zu dem Schluss gekommen, dass die geltende Testosteron-Regel nicht streng genug sei, und hat daraufhin den SRY-Gentest vorgeschlagen.
F.Carias--PC